Welt am Rand

Welt am Rand

Groupshow 2016

22. OCT - 29. NOV 2016

 

 

Michaelisstraße 34
99084 Erfurt

TUE - FRI  Noon - 6PM

An exhibition curated by Jens Hausmann

with

Madeleine Boschan, Manfred Hausmann, Jens Hausmann,
Ruprecht von Kaufmann, Moritz Schleime, Philip Topolovac

 

Einführung: Prof. Dr. Kai Uwe Schierz, Direktor der Kunstmuseen der Stadt Erfurt

 

Zu sehen sind sechs verschiedene künstlerische Denk-und Arbeitsweisen, die, zusammen-gefasst,  in dieser Ausstellung einen Assoziationsraum schaffen, der den Besucher anregen soll, im Betrachten von Kunst über Wesenheiten der Zeit, in der wir leben zu reflektieren.

Der Titel ` Welt am Rand ´ umschreibt die zerbrechliche Gefühlslage in einer Welt der Umbrüche. Er suggeriert ein räumliches Ende, einen Rand von dem man abstürzen, ja aus der Welt fallen kann. Sinnbildlich ist ein Gefühl der Enge gemeint, das Gefühl zu nahe an den Abgrund gedrängt zu sein. Die Welt schrumpft über die extreme Beschleunigung ihrer medialen Vermittlung. Substanzielle Veränderungen, in Form von Entgrenzungen verschiedener Art und teilweise ideologische Hinterfragungen von Identitäten, ob kultureller, nationaler oder geschlechtlicher Art, erzeugen bei vielen eher Verunsicherung als Befreiung.

Einige der hier ausgestellten Arbeiten haben ein gewisses Pathos, eine romantische, hintergründige Stimmung. Die kulturgeschichtliche Epoche, die wir als Romantik bezeichnen, ging einher mit der Industrialisierung und war ähnlich wie heute eine Zeit gewaltiger Umbrüche. Diese Umbrüche provozieren auch bei Künstlern einen Reflex nach alltäglichen, vertrauten Dingen zu suchen, die man mit Bedeutung auflädt und so, ernst gemeint oder ironisch, das Profane auf die Ebene des Sublimen steigert.

Die Ausstellung bezeugt dieses als einen reflektierten, also bewussten Weg der Vergewisserung, eine methodische und spielerische Weise der Unsicherheit, welcher Art auch immer, auszuhalten, sich in Beziehung zu setzen und bestenfalls in etwas Neues zu überführen.

Zu sehen sind z. B. von Philip Topolovac verrostete Alltagsgeräte in sehr ästhetischer neuer Verpackung und scheinbar neuem Gebrauch als archäologische Museumsstücke. Auf Ruprecht von Kaufmanns großformatigen Gemälden beschaut man eine Metaphorik in sehr intensiver und komplexer Dichte. Aus grauen Nebeln treffen in dekonstruierten Raumsituationen, ohne ein klar überschaubares Oben und Unten, psychologische Archetypen auf das Personal der Mythen und großen Menschheitserzählungen. Der Thüringer Maler und Zeichner Manfred Hausmann zeigt eine Serie trotzig-kleiner Zeichnungen, an denen er (es lebe die Entschleunigung) wochenlang mit Fineliner Punkt für Punkt und Strich für Strich die schwarze Dichte winterlicher, nächtlicher Parklandschaften imaginierte. Von Jens Hausmann sind große Ölgemälde zu sehen, die als Motiv modernistische Betonhoch-häuser darstellen. Denen aber vor einiger Zeit schon die klare Struktur und Ausstrahlung utopischer Zukunftsentwürfe abhandengekommen ist und die nun eher die dunkle Aura von Kafkas Schloss ausstrahlen.

Einer neuen Romantik wird aber in dieser Konstellation nicht über die Maßen gehuldigt. Die romantischen Verweise der hier beschriebenen Künstler sind in der Regel recht cool reflektiert und keine unbedachte Nachahmung der transzendenten Stimmungssuche ihrer Vorgänger. Mit der Skulptur der Bildhauerin Madeleine Boschan gibt es ein ganz klares Bekenntnis zur reinen Form, zu klaren Linien, glatten Flächen, Symmetrie und scharfen Kanten als Form menschlicher Bemühung dem Unübersichtlichen, bedrohlichen Charakter der Natur, Kultur entgegenzusetzen. Der Maler Moritz Schleime zeigt ein Tableau von 24 Kopfbildern. Man kann diese getrost als eine Auflistung verschiedenartiger, recht unromantischer, malerischer Eskalationen von Bildnissen moderner Personen sehen. Alle diese Nicht-Porträts sind, so weit das überhaupt möglich ist, ohne einen Anspruch auf ein Ziel hin entstanden, als expressive malerische Übung am Beginn des Arbeitstages oder am Ende, um die restliche Farbe von der Palette zu kratzen, damit sie über Nacht nicht eintrocknet. In der scheinbaren Anspruchslosigkeit des Malers sind diese Bildnisse derart schmerzlich, lustig, grotesk menschlich gearbeitet, aber nicht um Virtuosität bemüht und doch als Malerei so intensiv, dass dieses Tableau wie eine wahnsinnige Rasterfahndung nach einem Bildnis des modernen Menschen von heute vorkommt. In diesen Bildern ist das Bemühung und die Suche nach Identität auf fast schmerzhafte Weise spürbar.

Ob dabei, wie in allen hier ausgestellten Kunstwerken, Entschlüsselung oder doch eher eine Verschlüsselung von Identität stattfindet, ob der Betrachter hier Antworten oder neue Fragen findet, ist wie immer offen, als Prozess für jeden persönlich.

Was bleibt ist die Aufforderung sich auseinanderzusetzen, zu spielen und zu reflektieren. Liebe Leute, wir müssen erwachsen werden, lernen uns selber Ernst zunehmen und die Welt zu erfinden.

Jens Hausmann 2016